willkommen
Taktik-Spiel-Modelle innerhalb des Taktik-Spielkonzepts  
Vermittlung von Sportspielen im Sportunterricht

Taktik-Spiel-Modelle

Der Begriff „Taktik-Spiel-Modell“ ist  im „sportunterricht“ 9/2006 in die Fachdiskussion eingebracht worden, indem er in der Übersetzung der Beiträge aus dem Englischen von Bohler und Fisette als deutscher Begriff für „Tactical Games Approach“ (nach Griffin, Mitchell, Oslin) gewählt wurde. Mit den Beiträgen von Bohler und Fisette (beide sind Mitarbeiterinnen von Griffin, USA) wurde zum ersten Mal die Theorie des „Tactical Games Approach“ von Griffin, Mitchell und Oslin aus deren engstem Umkreis in deutscher Sprache  vorgestellt. Ihr Taktik-Spiel-Modell stellt also eine spezielle Weise der Umsetzung des Taktik-Spielkonzepts dar. -> mehr

Taktik-Spiel-Modelle folgen dem Grundsatz des Taktik-Spielkonzepts und beziehen dementsprechend die Taktik- und Technikschulung in einem Kreisprozess aufeinander. Sie machen ”spielechte” Spielformen zum Ausgangs- und Mittelpunkt der Sportspielvermittlung.

Gleichwohl unterscheiden sich bei den verschiedenen Autoren sowohl die Auswahl und Anordnung der Inhalte als auch die methodischen Maßnahmen. In der Literatur sind etliche Taktik-Spiel-Modelle zu finden, zum Teil noch (früher in Ermangelung eines eindeutigen Gegenbegriffs) unter dem Begriff  “Spielgemäßes Konzept”. Beispiele finden sich in der Literaturliste zum Taktik-Spielkonzept. Auch das "Genetische Konzept" (Loibl 2001) ist dem Taktik-Spielkonzept zuzuordnen, da es von den Spielzusammenhängen ausgeht und die Technikvermittlung nachgeordnet ist.

Beispiel: Taktik-Spiel-Modell zur Einführung des Volleyballspiels (Level 1) (Wurzel 2005)

Das nachfolgende Beispiel geht von dem Ansatz aus, das Spiel “Ball über die Schnur” zur Vorbereitung auf die Einführung des Volleyballspiels zu verwenden. Dabei bestehen die Mannschaften aus je drei Personen, um viele Ballkontakte zu ermöglichen, und wird die Wurftechnik mit Blick auf die Pritschen als beidhändiger Wurf von oben, der etwa in Stirnhöhe ansetzt, vorgeschrieben.

Sobald die Schüler pritschen können, beginnt die Einführung des Volleyballspiels. Unter “Entscheidungen der Schüler” wird deutlich, wie auf die eingeschränkten und unterschiedlichen  technischen Fertigkeiten der Schüler reagiert werden kann.

Vorgegebene Spielform:

  • Raum: Kleinfelder
  • Mannschaftsgrößen: 3:3 (wenn aufgrund der Schüleranzahl nötig: 2:2; nur in Ausnahmen, wenn nicht vermeidbar, 4:4):

Spielgedanke:

Spiele den Ball so über das Netz, dass die Gegenmannschaft den Ball nicht zurückspielen kann.

 

Spielziel auf Level 1:

Die Schüler können ein "taktisch kluges" Volleyballspiel mit der Grobform der Technik Pritschen ausführen. "Taktisch klug" heißt, die drei möglichen Spielzüge im Volleyball werden innerhalb der eigenen Mannschaft situationsangemessen und geschickt angewendet, so dass den Schülern nach ihrem eigenen Empfinden ein spannendes Spiel gelingt.

 

Vorgegebene Regeln:

Der Ball soll möglichst gepritscht werden! Er darf höchstens dreimal in der eigenen Mannschaft gespielt werden. Die Spieleröffnung darf nicht zum Punktgewinn genutzt werden (Einwurf so, dass die Gegenseite ins Spiel kommt).

Entscheidungen der Schüler

Die Entscheidungen werden bei unterschiedlichen Mannschaftstärken in den Mannschaften selbst getroffen, nicht in der gesamten Klasse.

Anders als beim stark strukturierten Modell von Griffin, Mitchel, Oslin wird hier ein offeneres Vorgehen vorgeschlagen (vgl. Genetisches Konzept)

Sämtliche Maßgaben, die bezogen auf das spielerische Können der Schüler zu Volleyball als einem spannenden Laufspiel führen,

z.B.:

- Ballmaterial: Wasserball? Soft-Übungsvolleyball? Volleyball?

- Erlaubte Techniken: Dürfen Spieler (Mannschaften), solange sie noch nicht gut pritschen können, den Ball fangen (bei pritschähnlicher Haltung der Hände)? Wenn ja, wie oft darf gefangen werden? Müssen bestimmte Bälle gepritscht werden? Ist Doppelpritschen, Auftippen des Balles auf dem Boden erlaubt? ...

Entwicklung des Taktikbewusstseins

Auftretende Spielprobleme werden von den Schülern reflektiert und zu bewältigen versucht. Zur Problembewältigung gehören die Entwicklung bzw. Kenntnis und Übung angemessener taktischer Verhaltensweisen sowie, wenn nötig, eine Neuanpassung der vereinbarten Regelungen.

Auf Level 1 sind folgende Probleme zu bewältigen:

  • von hinten nach vorn spielen (nie umgekehrt)
  • die drei erlaubten Ballberührungen möglichst geschickt nutzen
  • beim zweiten Ballkontakt den Ball möglichst parallel zum Netz spielen
  • auf die Gegenseite in den freien Raum spielen
  • schnelles Laufen zum Ball
  • Anwendung der Technik Pritschen, wann immer es möglich ist (Vermeiden der einarmigen Ballannahme, Vermeiden des Baggerns, wenn der Ball so ankommt, dass er gepritscht werden kann)

Technikschulung

Technikübungen werden nach Bedarf eingefügt und beziehen sich strikt auf die Spielform. Sie können vom Lehrer vorgegeben oder - sofern genügend taktisches Verständnis der Schüler vorhanden ist - von den Schülern "erfunden" bzw. ausgewählt werden (z.B.: Formen des Pritschens im Dreieck mit unterschiedlichen Vorgaben)

Übergang zu Level 2

Level 1 ist bewältigt, wenn die Schüler ein spannendes Spiel mit der Technik Pritschen durchführen können und die Angriffe von der Gegenseite so geschickt durchgeführt werden, dass eine neue Technik zur Verteidigung (Baggern) notwendig wird, um den Spielfluss aufrechtzuerhalten (-> Fortschreiten zu Level 2: Einführung der Technik Baggern; siehe unten)

Perspektiven

Nach dem Baggern kann als Level 3 entweder der Aufschlag eingeführt werden oder der Schmetterschlag mit Block.

Strukturierung der Unterrichtsstunde:

(siehe auch: Taktik-Spiel-Modell von Griffin, Mitchell, Oslin)

Wesentlicher Kern der Stundenstruktur ist die Problemorientierung des Unterrichts: Taktische Probleme werden im Spiel erfahren und können von den Schülern zu einer Lösung gebracht werden. Die grundsätzliche Struktur der Unterrichtsstunde entspricht der Gliederung:

  • Aufwärmung mit Schulung des Pritschens in geeigneten Übungsformen (Paare, Dreiergruppen, verbunden mit Laufwegen)
  • Spiel 1 (3:3)
  • Reflexion
  • wenn nötig: Übung
  • Spiel 2 (wie Spiel 1)

Weitere Beispiele für Taktik-Spiel-Modelle: Flag-Football, Badminton

Am Beispiel Flag-Football wird exemplarisch gezeigt, welche Überlegungen zur Umwandlung eines bekannten Vermittlungsmodells, das dem “Spielgemäßen Konzept” folgt, in ein Taktik-Spiel-Modell führen. >> Flag-Football: Das Taktik-Spiel-Modell und das “Spielgemäße Konzept”  im Vergleich.

Das Taktik-Spiel-Modell zum Badminton (Wurzel 2008) beruht auf dem Spielvermittlungsmodell von Maywald & Zwiebler (1979).

Wer nach dem Taktik-Spielkonzept unterrichten will, muss das Rad keineswegs neu erfinden! Er muss nach zielgerichteten, “spielechten” Spielformen suchen, die die Schüler technisch und taktisch nicht überfordern (also keine “Konfrontationsmethode”!), er muss Ballast wegwerfen und Ab- und Umwege meiden.  (>> Sportspielvermittlung) Nach einer genauen didaktischen Analyse wird er in der Literatur viele geeignete Spielformen und Übungsformen finden, die er nutzbringend verwenden kann. (>> Literatur unter Taktik-Spielkonzept)

Literatur

Loibl, J. (2001). Basketball. Genetisches Lehren und Lernen. Schorndorf .

Hoss, B. (2008). Volleyball spielend erlernen. Ein Konzept für bewegungsintensiven Sportspielunterricht. In: sportunterricht 57 (11), 346 - 350.

Maywald, R. & Zwiebler, K. H. (1979). (Hrsg.: Lehrausschuss des Deutschen Badminton Verbandes): Badminton in Schule und Verein.

Wurzel, B. (2005). Spielgemäße Einführung des Volleyballspiels mit Medienunterstützung. In: Lehrhilfen für den sportunterricht 54 (1), 1 - 5.

Wurzel, B. (2008). Die Vermittlung von Badminton nach einem Taktik-Spiel-Modell. In: Lehrhilfen für den sportunterricht. 57 (11), 1 - 5.

Wurzel, B. (2011). Flag-Football spielen lernen nach einem Taktik-Spiel-Modell. In: sportpädagogik 35 (3+4), 64 - 67.

Das Volleyballspiel wird in Level 1 als Angriffspiel eingeführt: Der Ball über das Netz soll so gepritscht werden, dass die Gegenmannschaft den Ball nicht oder nur schwer erreichen kann. Unterrichtlicher Schwerpunkt ist ein gutes taktisches Spiel mit der vorgeschriebenen Technik Pritschen, d. h. hohes Zuspiel innerhalb der eigenen Mannschaft, möglichst drei Ballkontakte, paralleles Zuspiel am Netz, so dass ein “Angriff” erfolgen kann.  Spielstarke Schüler versuchen früh, einen einarmigen Angriff auszuführen. Solche Versuche werden dann nicht eingeschränkt, wenn die gegnerische Mannschaft einverstanden ist und mithalten kann.

Die Bilder der Klasse 7 zeigen zwei Dreier-Mannschaften zu einem Zeitpunkt, zu dem weder der Schmetterschlag noch der Block eingeführt worden sind. Bei diesem Spielvermögen wird es notwendig, die Technik Baggern als Verteidigungshandlung einzuführen, damit der Spielfluss aufrechterhalten bleibt (-> Level 2).

IMG_3014a

Dr. Bettina Wurzel
Erstfassung: 26.10.2006
Bearbeitet: 21.1.2014

 Haftungsausschluss Impressum Kontakt