willkommen
Taktik-Spielkonzept und "Spielgemäßes Konzept" im Vergleich am Beispiel Flag-Football
Vermittlung von Sportspielen im Sportunterricht

Beispiel Flag-Football: Über die Unterschiede des Taktik-Spielkonzepts zum “Spielgemäßen Konzept”

Es scheint oftmals schwierig zu sein, die wesentlichen Unterschiede zwischen dem “Spielgemäßen Konzept” und dem Taktik-Spielkonzept zu erkennen, da beide Konzepte ihre Vorgehensweise mit den scheinbar gleichen Argumenten begründen (z.B.: “Von Anfang an spielen”). Im Folgenden sollen am konkreten Beispiel Flag-Football diese Unterschiede und ihre Konsequenzen für den Unterricht erörtert werden. (s. a. Sportspielvermittlung)

Das Modell vom American Football Verband Hessen (bzw. AFVD) zur  Vermittlung von Flag-Football

Vom American Football Verband Hessen (bzw. AFVD) wird ein Modell zur Vermittlung des Spiels Flag-Football vorgelegt, das durch schulische Fortbildungen und Veröffentlichung im Internet eine weite Verbreitung gefunden hat. Die Autoren selbst ordnen ihre Vorgehensweise dem “Spielgemäßen Konzept” zu bzw. einer Erweiterung des Spielgemäßen Konzepts, von ihnen “Transformationskonzept” genannt (AFVD, S. 7 -8).

Flagfootball soll mit Hilfe dieser Spielreihe gelernt werden:

  • Parteiballpiel und Variationen
  • Basket-Football
  • Ultimate
  • Forward-Ultimate
  • Quarterback-Ball und Variationen
  • Quarterback-Flag-Football
  • Jägerball-Flag-Football (AFVD, S. 10)

Wiederholt betonen die Autoren die Nähe ihrer Spielformen zum Spielgedanken des Flag-Football, wie z. B. im folgenden Zitat. “Die Spielreihe enthält demnach eine geordnete Folge von Spielen, die in Technik und Taktik eine Verwandtschaft zum Zielspiel (Flag-Football) aufweisen. Die Spielidee des Zielspiels durchzieht wie ein Leitmotiv alle Stationen der Spielreihe. Geschult werden in Spielsituationen die Spielidee, die Spieltaktik und die Formen der Technik.” (AFVD, S. 7)

Diskussion des vom AFVD vorgelegten Modells

Mit der behaupteten Verbindung zum Zielspiel scheint das Modell des AFVD ein Taktik-Spiel-Modell zu sein. Allerdings entsprechen die Spielideen sowie die Spieltaktiken des Parteiballspiels, von Basket-Football, Ultimate und Forward-Ultimate den jeweiligen Spielen, die als Namensgeber dienen, und eben nicht dem Flag-Footballspiel. Die behauptete Verbindung zum Zielspiel besteht also in den ersten vier einführenden Spielen nicht! Im Parteiballspiel spielen die Lernenden das altbekannte Parteiballspiel mit der Veränderung, dass der Football genutzt wird. In Basket-Football und in Ultimate werden die speziellen Spielgedanken des Basketball und des Ultimate realisiert. Das Einzige, das die Verbindung zum Flag-Football herstellt, ist auch hier das Spielgerät, der Football.

Die Verwendung des Parteiballspiels als Spielform, die sowohl für die Einführung in Basketball, Handball und jetzt auch Flag-Football genutzt wird, belegt deutlich die Allgemeinheit des Spielgedankens. Dient das Parteiballspiel zur Einführung von Basketball oder Handball, so wird zwar ebenso der jeweils zentrale Spielgedanke ignoriert, nämlich der Korb- bzw. Torwurf, jedoch kann immerhin noch argumentiert werden, dass das mehrfache Zupassen innerhalb der eigenen Mannschaft zum Spielgedanken beider Spiele gehöre. Genau dies aber ist beim Flag-Football nicht der Fall, so dass sich die o. g. Begründung für das Spiel Parteiball als Vorbereitung zum Flag-Football als Scheinargument erweist. Das Parteiballspiel wird - wie die nachfolgenden drei Spiele - lediglich zu einer Übung, mit dem Football umzugehen, dies in “spielerischer” Form..

Kritik an der Spielreihe des Modells des AFVD

Führt man mit Schülern im Sportunterricht oder mit Teilnehmern einer Fortbildungsveranstaltung diese Spielreihe mit dem Ziel Flag-Football durch, so lässt sich immer wieder der gleiche Effekt beobachten: Die Teilnehmer spielen die ersten vier Spiele der Spielreihe mit großer Begeisterung. Die Regeln sind allen klar, die Spiele bekannt, vom ungewohnten Ball geht ein hoher Anreiz aus. Niemand, der das Spiel Flag-Football nicht kennt, fordert zu diesem Zeitpunkt, er wolle “richtig” Flag-Football spielen, da er sich bereits auf dem Weg wähnt.

Regelmäßig ist jedoch auch zu beobachten, dass bei der Einführung des Spiels Quarterback-Ball die Motivation erheblich sinkt und die Teilnehmer irritiert sind. Anstelle der kämpferischen Mannschaftsspiele wird nun von ihnen ein statisch empfundenes Spiel mit lediglich einem Pass verlangt, bei dem es ständige Unterbrechungen gibt. Vielen gefällt dieses Spiel nicht, insbesondere im Vergleich zu den zuvor gespielten Spielen. Und dabei ist man gerade jetzt bei Flag-Football angelangt:  “Der Aspekt des fließenden Spielverlaufs wird nun zu Gunsten des Counts aufgegeben. Die footballspezifische Form der statischen Spielunterbrechung (Breaks) zwischen den Spielzügen (Breaks) wird eingeführt.” (AFVD, S. 15, hervorgehoben von mir)

Wenn aber erst jetzt der spezifische Spielgedanke des Flag-Footballspiels eingeführt wird, warum sollte Zeit auf die vorbereitenden Spiele verwendet werden, die nur einen falschen Eindruck vom Zielspiel vermitteln?

Ein Spiel “richtig” zu spielen, ist der Wunsch jedes Lernenden; das Taktik-Spielkonzept realisiert diesen Wunsch.

Der Gegenentwurf: Einführung des Flag-Footballspiels nach dem Taktik-Spielkonzept

Kern des Taktik-Spielkonzepts sind “spielechte” Spielformen, d. h. Spielformen, die die zentrale Spielidee des Zielspiels beinhalten. Spielechte Spielformen müssen nicht neu erfunden werden, wie auch das Modell des AFVD zeigt: Die Spielformen Quarterback-Ball  und Quarterback-Flag-Football aus der Spielreihe des AFVD sind im Sinne des Taktik-Spielkonzepts geeignete Ausgangsspielformen.

Zentraler Spielgedanke des Quarterback-Ball ist der Pass des Quarterback zu einem Mannschaftsmitglied. Gelingt diesem, den Ball zu fangen, erzielt die Mannschaft einen Raumgewinn und hat einen nächsten Versuch. Mit der sofortigen Einführung der footballspezifischen Form der Spielunterbrechung (Break) erleben die Schüler unmittelbar den Unterschied zu den ansonsten in Deutschland üblichen Mannschaftsspielen. Der Verzicht auf den Umweg der Spielreihe verschafft den Schülern mehr Zeit für taktische Probleme und Übungsphasen. Je schneller und tiefer die Schüler in die taktischen Möglichkeiten des Spiels eindringen können, umso mehr erhalten sie die Chance, die Spannung, die aus diesem ungewohnten Spiel erwächst, zu erleben.

Voraussetzung zur Teilhabe an dieser ersten Spielform ist ein einigermaßen korrekter Wurf und das Fangen des Footballs. Werfen und Fangen werden im Rahmen der Aufwärmung vor der ersten Spielform paarweise geübt. Anders als im Spiel Parteiball, bei dem nur der geschickte Spieler den Ball erhält und eine Chance hat, ihn zu werfen, erhalten bei der paarweisen Übung alle Schüler die nötigen Lerngelegenheiten.

Das Spiel Quarterback-Ball selbst eröffnet die Gelegenheit, viele taktische Maßnahmen des Flag-Footballspiels zu erfahren und zu lernen:

  • Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Werfer und Passempfänger?
  • Wie weit sollte ich werfen?
  • Ist es sinnvoll, stets nur auf den besten Fänger zu werfen? Warum nicht?
  • Unter welchen Umständen gelingt ein Raumgewinn?

Das Spiel Quarterback-Ball wird ohne Flaggengürtel gespielt. Wer der Meinung ist, dass das Flaggenziehen wesentlich zum Spielgedanken des Flag-Football gehört, wird schnell die zweite Spielform, das Spiel Quarterback-Flag-Football (AFVD, S. 16), einführen. Hier läuft der Spieler der angreifenden Mannschaft, der den Pass gefangen hat, in Richtung Endzone und der Gegner versucht, die Flagge des ballführenden Spielers zu ziehen.

Beiden Spielen gemeinsam ist, dass sich die Schüler auf elementare taktische Züge konzentrieren können. Weder gibt es “Blitz” noch “Interception”, d. h. der Quarterback kann in Ruhe seinen Spielzug planen, ohne vom Gegner angegriffen zu werden, und der Spielzug endet, sobald der Gegner den Ball erobert hat. In diesem Fall gibt es keinen schnellen Gegenangriff, sondern die angreifende Mannschaft darf einen neuen Spielzug erproben (bei erfolgreichem Ballfang) oder die gegnerische Mannschaft erhält den Ball. Blitz und Interception werden, wie weitere Regelelemente, je nach Spielvermögen der Schüler und jeweils voneinander getrennt, zu einem späteren Zeitpunkt in erweiterten Spielformen eingeführt.

 

Das Modell des AVFD bietet auch viele verwertbare Übungsformen an. Zu beachten ist bei ihrer Auswahl und Verwendung, dass diese im Taktik-Spiel-Modell stets im Zusammenhang mit der jeweiligen Spielform stehen sollen und nicht Selbstzweck sind.

Die Gestaltung des Unterrichts

Die grundsätzliche Struktur der Unterrichtsstunde entspricht der Gliederung: Aufwärmung mit notwendiger Schulung der Technik, Spiel 1, Reflexion, wenn nötig: Übung, Spiel 2 ( vgl. dazu: Taktik-Spiel-Modell von Griffin, Mitchell, Oslin): Wesentlicher Kern einer solchen Struktur ist die Problemorientierung des Unterrichts: Taktische Probleme werden im Spiel erfahren und können von den Schülern zu einer Lösung gebracht werden.

Im Flag-Football bietet es sich an, die Erprobung bzw. Entwicklung von Spielzügen zunächst in der eigenen Mannschaft (ohne Gegner) vorzunehmen und zwar so, dass alle Mannschaftsmitglieder jeweils wechselnde Rollen übernehmen. Ob der jeweilige Spielzug dann erfolgreich umgesetzt werden kann, zeigt sich im anschließenden Spiel gegen die gegnerische Mannschaft, wobei die Gegner natürlich um der Spannung des Spiels willen mit vollem Einsatz verteidigen. (Auch das gehört zum “richtig” Spielen von Anfang an.) Die Betonung liegt bei dieser Vorgehensweise zunächst auf dem Angreiferverhalten; die Verteidigung wird immanent geschult, da die Gegner den erfolgreichen Zug verhindern möchten. Es entspricht dem spiralförmigen Vorgehen, dass z. B. das Flaggeziehen als Verteidigerhandlung erst und genau dann geübt wird, wenn es sich im Spiel als ein Problem zeigt, welches die Schüler ohne Übung nicht bewältigen können.

Die taktischen Probleme, mit denen sich die Schüler innerhalb der Spielformen Quarterback-Ball bzw. Quarterback-Flag-Football auseinandersetzen müssen und die jeweils den Hauptteil einer Unterrichtsstunde ausmachen können, sind beispielsweise:

  • Erfolgreiche Umsetzung eines vorgegebenen Spielzugs (Wer läuft wohin? Wie weit sollte der Pass geworfen werden? Wie schnell müssen wir spielen?)
  • Eigene Entwicklung eines erfolgreichen Passspiels (geschickter Einsatz aller Mitspieler, Spiel auf wechselnde Positionen zur Täuschung der Gegner)
  • Eigene Entwicklung eines Laufspielzuges
  • Erfolgreiche Täuschung des Gegners durch geschickte Auswahl von Pass- oder Laufspielzug

Mit der Bewältigung der Vielzahl der taktischen Probleme, die von den Schülern selbst erkannt werden können und zu durchaus unterschiedlichen Vorgehensweisen im Unterricht führen können, bietet sich - alternativ oder ergänzend zur stark strukturierten Vorgehensweise von Griffin et al -  eine genetische Vorgehensweise an.

Literatur

AFVD (American Football Verband Hessen): Einführung in das Flagfootball-Spiel: Flag-Reader.pdf

Wurzel, B. (2008): Was heißt hier spielgemäß? Ein Plädoyer für das "Taktik-Spielkonzept" bei der Vermittlung von Sportspielen. In: sportunterricht 57 (11), 340 - 345.

Wurzel, B. (2011). Flag-Football spielen lernen nach einem Taktik-Spiel-Modell. In: sportpädagogik 35 (3+4), 64 - 67.

Dr. Bettina Wurzel
Erstveröffentlichung: 30.5.2011
Aktualisiert: 21.5.2016

 Haftungsausschluss Impressum Kontakt