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Die Vermittlung von Sportspielen im Sportunterricht
Taktik-Spielkonzept versus Spielgemäßes Konzept

Taktik-Spielkonzept versus “Spielgemäßes Konzept”

Über “spielerische” Übungsformen und “Spielreihen”: das “Spielgemäße Konzept”

In Deutschland gibt es eine lange Tradition, Spiele auf eine "kunstvolle" Weise zu vermitteln: Anstatt die den Spielen eigenen Spielsituationen zu nutzen und die Schüler in solche Situationen von Anfang der Spielvermittlung an einzuführen, werden allzu oft spielfremde Organisationsformen wie Gassenaufstellungen, Zickzackaufstellungen, Kreisaufstellungen usw. eingeführt und Übungsformen konstruiert, in denen die Spieltechniken wie Kunststücke gelehrt und gelernt werden. Es werden Spielreihen konstruiert, in denen die Spielformen eigene Spielgedanken haben, die mit dem Zielspiel nicht unbedingt etwas zu tun haben. Solche Vorgehensweisen werden, aufgrund der Spielreihen und der spielerischen Übungsformen i. Allg.  dem "Spielgemäßen Konzept" zugeordnet.

.Nachfolgend werden einige Beispiele gezeigt, bei denen Reifen beim “spielgemäßen” Vorgehen zur Vermittlung eines Sportspiels benutzt werden. Zwischen der Abbildung 1 und den Abbildungen 4 und 5 liegen exakt 30 Jahre - 30 Jahre didaktischer und methodischer Forschung, auch zur Sportspielvermittlung. Anscheinend unbeirrt jedoch setzt sich die Tradition der konstruierten, “spielgemäß” genannten Übungsformen fort.

Wanderbasketball

Abb. 1:

"Wanderbasketball in der Gasse

Zwei gegnerische Mannschaften bilden gemeinsam eine Gasse. Von einem Gassenende her beginnt Mannschaft A, den Ball im Zickzackkurs bis zu ihrem korbnächsten Spieler zu passen. Dieser versucht einen Korbwurf. Mannschaft B nimmt den Ball auf und verfährt ebenso in Gegenrichtung. Wer erzielt mehr Körbe? Es empfiehlt sich, die Standorte der Spieler durch Gymnastikreifen zu markieren. Ein Fuß (das Standbein) muß immer im Reifen bleiben." (Schaller 1976, 64, in Dietrich, Dürrwächter, Schaller 1976)

Zielball

Abb. 2:

"Zielball

Jeweils 4 - 8 Partner spielen sich den Ball beliebig zu. Der Aktionsradius eines jeden Spielers wird durch Festlegung seines Standortes (Gymnastikreifen o.ä.) begrenzt. Dieser markiert Standort darf nicht verlassen werden. Der Ball muß so gespielt werden, daß der Partner ihn erreichen kann, ohne seinen Platz zu verlassen." (Stops/Mossing 1982, 73, in Schaller (Hrsg.) 1982)

(Badminton)

Sektorenball

Abb. 3:

“Sektorenball” (Stops/Mossing 1982, 78, in Schaller (Hrsg.) 1982))

(Badminton)

Fangen Abb. 4: Voll 2006, 3

Abb. 4:

"Lernziel: Der Schüler soll lernen seine Körperbewegung auf ein ankommendes Flugobjekt einzustellen und so zu dosieren bzw. zu regulieren, dass ein kontrolliertes Treffen des jeweiligen Balles mit der Hand möglich wird." (Voll 2006, 3)

Spiel durch Reifen

Abb. 5: Voll 2006, 5 (vgl. Abb. 3!)

Kritik am “Spielgemäßen Konzept”

Eine Konsequenz für die Spielfähigkeit wird aus den Fotos (Abb. 4 und 5) unmittelbar überdeutlich: Die Kinder stehen mit gestreckten Beinen; durch die Fixierung auf einen Platz wird ein statisches Verhalten geradezu provoziert - ein für jedes Sportspiel völlig kontraproduktives Verhalten! Durch die Fixierung in einem Reifen kann das Kind entgegen dem angegebenen Lernziel nicht “seine Körperbewegung auf ein ankommendes Flugobjekt” einstellen (vgl. Abb. 4).  Sich auf einen ankommenden Ball einzustellen bedeutet, Laufwege zu antizipieren und dynamisch zu agieren!

Es werden Technikübungen durchgeführt, die völlig ungeeignet sind, die im Zielspiel verlangte Technik zu üben (Beispiel: Der Schlag durch den Reifen führt nicht zu den Techniken im Badminton; s. Abb. 3 und 5.).

Kunstvolle Organisationsformen sind organisationsaufwändig und damit in der Einführung zeitaufwändig. Sie führen häufig während der Durchführung zu langen Wartezeiten und Langeweile (s. Abb. 6, 7: Verhalten der wartenden Kinder). In Kreis-, Gassenaufstellungen u. Ä. ist das zahlenmäßige Verhältnis von Spielern, Bällen und “Drankommen” in der Regel ungünstig und  ineffektiv. Der Aufwand, die Spielformen mit ihren Organisationsformen einzuführen, zahlt sich nicht aus, da Organisationsformen dieser Art nichts, aber auch gar nichts mit den Zielspielen zu tun haben.

Fußball 1 Abb. 6: Adler u.a. 2006, 3

Fußball 2 Abb. 7: Adler u.a. 2006, 3

Spielformen mit jeweils eigenem Spielgedanken stehen für sich, leisten aber keinen Beitrag zum Verständnis eines Sportspiels mit seinem Regelwerk und seinen taktischen Anforderungen. Bezogen auf die Vermittlung von Sportspielen sind sie Umwege oder gar Abwege.

Das, was man tatsächlich zum Spielen von Sportspielen braucht - Einsatz, Hingehen zum Ball, Spielübersicht, Regelkenntnisse, Regelverständnis, Taktikbewusstsein, die Fähigkeit, die Techniken in der Spielsituation und unter Spieldruck anzuwenden, sowie die Fähigkeit, ein Spiel in Gang zu setzen und (auch bei auftretenden Spielproblemen) in Gang zu halten -, kann man so nicht lernen.

Der Gegenentwurf: das “Taktik-Spielkonzept”

Eigentlich kann die Frage nach einem erfolgreichen Konzept zur Vermittlung von Sportspielen schnell beantwortet werden: Man reduziere die komplexe Spielsituation auf ihren ”Kern”,  d.h. auf den dominanten Spielgedanken, definiere eine entsprechende vereinfachte Spielform mit diesem Spielgedanken und lasse die Schüler die Spielform mit den ihnen möglichen Techniken spielen. In einem spiralförmigen Vorgehen können dann mit zunehmendem Können der Kinder die taktischen und technischen Anforderungen in den Spielformen erweitert werden, so dass sich das Spiel immer mehr dem Zielspiel annähert. Dietrich hat bereits in den 1970er Jahren diese Vorgehensweise am Beispiel des Fußballspiels in die didaktische Diskussion eingebracht (Dietrich 1976, S. 87 -121, in Dietrich, Dürrwächter, Schaller 1976), was ebenfalls als  “Spielgemäßes Konzept” bekannt. wurde. Auch zu anderen Spielen gibt es seit langem Modelle, die den zentralen Spielgedanken des Zielspiels in den Mittelpunkt stellen, also “spielechte” Spielformen fordern, und die (wie die oben gekennzeichneten Vorgehensweisen)  “spielgemäß” genannt wurden (z. B. Handball (Bietz 1994), Volleyball (Wurzel 2005). International ist diese Vorgehensweise weit verbreitet (z.B. unter: ”Teaching Games for Understanding“, ”Tactical Games Approach“) und in Deutschland seit 2008 mit dem Begriff “Taktik-Spielkonzept“ belegt (-> ausführlich in: Wurzel 2008).

Den Begriff “Taktik-Spielkonzept” habe ich um der begrifflichen Klarheit willen eingeführt: Damit kann die Mehrdeutigkeit, die bis dahin mit dem Begriff “spielgemäß” verbunden war, vermieden werden: Dem Taktik-Spielkonzept werden diejenigen Modelle der Spielvermittlung zugeordnet, die “spielechte” Spielformen als Ausgangs- und Mittelpunkt verwenden, also Spielformen, die den zentralen Spielgedanken des Zielspiels enthalten. Alle anderen Vermittlungsformen, die “spielerisch” über “Spielreihen” vorgehen, gehören zum “Spielgemäßen Konzept”. Innerhalb des Taktik-Spielkonzepts verwende ich den Begriff spielgemäß wegen seiner fehlenden Eindeutigkeit nicht. Mit dem "Taktik-Spielkonzept" existiert ein lernwirksames Konzept zur Sportspielvermittlung. >> mehr

>> mehr über die Unterschiede des Taktik-Spielkonzepts zum “Spielgemäßen Konzept” am Beispiel Flagfootball

Literatur

Adler, K./Erdtel, M./Houtzager, A. (2006). In vier Wochen zum Fußballstar?! In: Lehrhilfen für den sportunterricht 55  (6), 1-6.

Bietz, J. (1994). Die spielgemäße Vermittlung des Handballspiels. In: sportunterricht 43  (9), 372 - 381.

Dietrich, K./Dürrwächter, G./Schaller, H.J. (1976). Die Großen Spiele. Wuppertal. Darin: Schaller: Basketball; Dietrich: Fußball.

Schaller, H.J. (Hrsg.) (1982).  Die Großen Partnerspiele. Wuppertal. Darin: Stops/Mossing: Badminton.

Voll, S. (2006). Eine alternative Schlägersport-Methodik im Basislernen. In: Lehrhilfen für den sportunterricht 55  (1). 1-6.

Wurzel, B. (2005). Spielgemäße Einführung des Volleyballspiels mit Medienunterstützung. In: Lehrhilfen für den sportunterricht (1), 1 - 5.

Wurzel, B. (2008): Was heißt hier spielgemäß? Ein Plädoyer für das "Taktik-Spielkonzept" bei der Vermittlung von Sportspielen. In: sportunterricht 57 (11), 340 - 345.

Von Anfang an “richtig” zu spielen
heißt von Seiten der Schüler:

  • aufmerksam und konzentriert sein
  • Einsatz und Laufbereitschaft zeigen
  • anstrengungsbereit sein

Dann (und nur dann) werden die Schüler ihr Spiel - unabhängig von den technischen Möglichkeiten - als spannend erleben!

Es ist eine oft schwierige Aufgabe der Lehrperson, dieses Verhalten der Schüler zu bewirken!

Fotos: Sportspiele

Dr. Bettina Wurzel
Erstfassung: 26.10.2006
Bearbeitet: 21.1.2014

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