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Genetisches Konzept
Vermittlung von Sportspielen im Sportunterricht

Genetisches Konzept

Das "Genetische Konzept" ist dem Taktik-Spielkonzept zuzuordnen, da es von den Spielzusammenhängen ausgeht und die Technikvermittlung nachgeordnet ist. Es verbindet die Spielvermittlung mit dem Prinzip des Genetischen Lehrens und Lernens.

So stellt Loibl, dessen Name mit dem "Genetischen Konzept" verbunden ist (Loibl, 1995, 2001), ganz im Sinne des Taktik-Spielkonzepts fest:

"Wenn Spielen heißt, Spielsituationen zu lösen, dann kann es nicht sein, dass zum Üben die Spielsituation eliminiert wird! Statt dessen liegt es nahe, gerade den umgekehrten Weg zu gehen: Statt komplizierte Techniken in vereinfachten Situationen zu üben, werden die komplexen Situationen des Spiels mit vereinfachten Techniken gelöst." (Loibl, 2000, S. 99)

Bereits 1984 hielt Dietrich unter der Fragestellung "Vermitteln Spielreihen Spielfähigkeit?" ein "Plädoyer für ein genetisches Spielkonzept" (S. 21).

spu 11/2008 "Unterrichtsthema Sportspiele"

Themaheft sportunterricht 11/2008: "Unterrichtsthema Sportspiele"
Mit einem Beitrag von Wichmann zur Entwicklung von Sportspielen mit Hilfe des Genetischen Konzept
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Genetisches Lehren und Lernen

Genetisches Lehren und Lernen von Sportspielen bedeutet, die Schüler an der Regelfindung - und -entwicklung zu beteiligen, die Techniken - nachgeordnet - gemäß dem spielerischen Können der Schüler einzuführen (aus ihrem spielerischen Können "erwachsen" zu lassen und nicht als "Vorratshaltung" einzuführen), die Spieltaktik zu erweitern, ebenfalls dem Können der Schüler gemäß und unter Beteiligung der Schüler.
Die Auseinandersetzung mit dem Spiel erfolgt also auf der Basis des spielerischen Könnens der Schüler.
Das Konzept kann einerseits zur Entwicklung eigener Sportspiele durch die Schüler dienen (s. Wichmann, 2008), ebenso kann das Lehren und Lernen eines bekannten Sportspiels auf genetischem Weg erfolgen.

Loibl beschreibt "Genetisches Lehren und Lernen" als "Rekonstruktion": "Bezogen auf die Vermittlung von Sportspielen meint Genetisches Lehren die Entwicklung, die Re-Konstruktion eines Spiels aus seinem Ursprung heraus, der Spielidee, in der jeder Lernende das Spiel für sich neu erfindet." (Loibl, 2001, 21)

Mit der Formulierung der jeweils neuen Erfindung eines Sportspiels wird allerdings die Grundlage für das Missverständnis gelegt, als wäre das Zielspiel stets beliebig und nur von den Interessen der Schüler abhängig.

Dem hält Dietrich bereits fast 20 Jahre zuvor entgegen: "Schüler haben in der Regel eine Vorstellung von der Endform eines Spiels (eine Spielidee) und können sein gelingen oder noch-nicht-gelingen (sic!) sehr wohl im Prozeß der Herstellung des Spiels und im Spiel selbst erkennen und beurteilen. Ähnlich wie beim praktischen Lernen in Projekten steht das Ziel vor Augen, und der Weg dorthin ist die eigentliche Aufgabe, die von allen Beteiligten bewältigt werden muß." (Dietrich, 1984, 21)

Wer also den Schülern "Volleyball" verspricht, sollte nicht das "Genetische Konzept" als Vorwand dafür benutzen, wenn als Ergebnis seiner Unterrichtsreihe ein ganz anderes (von den Schülern selbst erfundenes Spiel) herauskommt.

Die Regeln des Volleyballspiels können Schüler nicht "finden" oder "erfinden"; sie sind so, wie sie sind, und Spielidee und damit verbundene Regeln sind vielen Schülern bereits vor Erlernen des Spiels bekannt. Die Kenntnis eines Spiels stellt ja gerade häufig den Anreiz dar, das Spiel lernen zu wollen. Auch die dem Volleyballspiel eigenen Techniken werden nicht von den Schülern "gefunden" und schon gar nicht "erfunden". Am Beispiel eines Spiels, dessen Spielidee den Schülern völlig unbekannt ist, wird dies noch deutlicher: In aller Regel spielt, wer von den Kindern das Spiel Flag-Footballspiel "erfinden" lässt, am Ende etwas ganz anderes als Flag-Football, und kein Lehrer sollte die Schüler im Glauben lassen, sie hätten das Spiel Flag-Football kennengelernt.

Dennoch kann die Vermittlung des Sportspiels Volleyball in einer genetischen Weise erfolgen: In einem genetischen Vorgehen kann mit den Schülern oder von den Schülern entschieden werden, welche Regeln für ihr Spiel gelten sollen. Ist Fangen anstelle des Pritschens noch erlaubt, um den Spielfluss herzustellen? Darf der Ball auf den Boden prellen, bevor er weitergespielt wird? Wird die Spieleröffnung als Möglichkeit, Punkte zu erhalten, gestattet (Aufschlag) oder ausgeschlossen (Einwurf)? Indem die Schüler solche und ähnliche Fragen stellen, können sie zu Regelungen kommen, die ihrem Spielvermögen entsprechen und die es erlauben, in "spielechten" Spielformen "Volleyball" zu spielen, ohne dass überfordernde Techniken den Spielfluss behindern.

Didaktisch-methodische Entscheidungen

Ausgangspunkte des genetischen Konzepts sind Spielprobleme, also Probleme, die von den Schülern im Spiel noch nicht bewältigt werden. In einer genetischen Vorgehensweise entscheiden die Schüler (gemeinsam mit dem Lehrer) sich in Spielformen mit dem Spielproblem auseinanderzusetzen, um das erkannte Problem zu lösen.  Die Spielformen müssen, wenn es um den Erwerb eines bekannten Sportspiels geht, spielecht sein, d. h. der Spielgedanke der Spielformen muss mit dem des Zielspiels übereinstimmen. (Wenn Schüler eigene Spiele erfinden, greifen sie stets ganz selbstverständlich zu Spielformen, die ihrem Spiel gerecht werden, also dessen Spielgedanken enthalten!) Die Schüler können - in Abhängigkeit ihres Könnens - selbst Regeln vereinbaren, z.B., um das Spiel zu erschweren (Raumvergrößerung) oder zu erleichtern (Technikvereinfachung), um die Teilhabe aller Schüler zu gewährleisten (vorgegebene Anzahl von Pässen) u. a.

Das Konzept betont die Entscheidungsfreiheit der Schüler, die innerhalb des vorgegebenen oder vereinbarten Rahmens besteht. Im Unterricht wechseln sich Erprobungsphasen und Reflexionsphasen ab. In den Reflexionsphasen werden die getroffenen Entscheidungen geprüft, taktische Probleme und ihre Lösungen besprochen, technische Elemente verdeutlicht. Übungen werden nach Bedarf eingeschoben, damit die Spielformen anschließend auf einem höheren Niveau ausgeführt werden können.
>> Beispiel zur Einführung des Volleyballspiels (Wurzel 2005)

Literatur

Dietrich, K. (1984). Vermitteln Spielreihen Spielfähigkeit? In: sportpädagogik 8 (1), 19 - 21.

Loibl, J. (1995).  Basketball vermitteln - und erfahren lassen. In: sportpädagogik 19 (1), 30-32.

Loibl, J. (2000). Integrieren statt Isolieren. Üben in komplexen Bewegungszusammenhängen. In: FRIEDRICH JAHRESHEFT XVIII : Üben und Wiederholen. Sinn schaffen - Können entwickeln. S. 98 - 100.

Loibl, J. (2001). Basketball. Genetisches Lehren und Lernen. Schorndorf .

Wichmann, K. (2008). Spiele-Werkstatt. In: sportunterricht 57  (11), 356 - 359.

Wurzel, B. (2005).  Spielgemäße Einführung des Volleyballspiels mit Medienunterstützung. In: Lehrhilfen für den sportunterricht 54 (1), 1 - 5.

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 26.10.2006

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