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Thesen zur Inklusion im Sportunterricht
Probleme und Folgerungen

 Widerstände gegen einen gemeinsamen Sportunterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern, die ein Umdenken notwendig machen

Behinderte Schüler im Regelschulsystem werden zwar laut Definition inklusiv unterrichtet, nehmen jedoch nicht unbedingt am  Sportunterricht teil, dies interessanterweise, obwohl der Sport in vielen Zusammenhänge auf seine “integrative” Kraft pocht und obwohl Sportunterricht in den Förderschulen eine ebenso wichtige Rolle zugeschrieben wird wie in den Regelschulen. Es sind vor allem drei Gründe, die den gemeinsamen Sportunterricht nicht selbstverständlich werden lassen:

  • Der Sportunterricht kennt die Befreiung vom Unterricht durch Attest. Behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten, bedeutet damit ein erstes Umdenken, nämlich ein Plädoyer gegen das ”Attest wegen Behinderung”. Die Möglichkeit des Attests wiederum gibt dem Sportlehrer eine schnelle und aufgrund der Tradition quasi selbstverständlich scheinende Möglichkeit, sich selbst von den Anforderungen eines inklusiven Sportunterrichts zu befreien, auch wenn sich seine Schule als inklusiv definiert.
  • In einem Fach, in dem sogar die heterogene Gruppe von Jungen und Mädchen, also die Koedukation, noch immer nicht überall selbstverständlich ist,  scheint die heterogene Gruppe von nichtbehinderten und behinderten Schülern noch viel weniger sinnvoll bzw. möglich zu sein.
  • Als entscheidende Erschwernis muss jedoch der Sachverhalt angesehen werden, dass der Behindertensport seine Eigenständigkeit betont und über viele Jahrzehnte die Besonderheit seiner Inhalte und Methoden hervorgehoben hat. Sportlehrer führen daher gegen den gemeinsamen Unterricht vor allem das Argument an, kein Behindertensportlehrer zu sein und ihren Sportunterricht in der Regelschule nicht zum Behindertensport machen zu wollen bzw. zu können.

Grundlagen für den gemeinsamen Sportnnterricht

Den Widerständen stehen diese Folgerungen gegenüber, die die Grundlagen für mein Konzept des gemeinsamen Unterrichts bilden:

  • Die Lehrperson muss den gemeinsamen Unterricht wollen, wenn er gelingen soll. Planung und Durchführung des gemeinsamen Unterrichts sind komplex, anspruchsvoll und verlangen zweifellos von der Lehrperson Mehrarbeit.
  • Gemeinsamer Unterricht ist richtlinienorientiert. Seine Inhalte und Zielsetzungen ergeben sich nicht aus der (zufälligen) heterogenen Zusammensetzung der Gruppe, sondern aus der in den Richtlinien festgelegten didaktischen Orientierung. Die Teilnahme von behinderten Schülern im Sportunterricht der Regelschule macht den Sportunterricht  nicht zum Behindertensport; Nichtbehinderte müssen nicht - wie eine Befürchtung lautet -  "zu Behinderten" gemacht werden (z. B.: Sehende müssen mit verbundenen Augen spielen), der Unterricht muss und darf sich nicht auf "soziale Spielchen" beschränken! Ziele und Inhalte ergeben sich aus den Zielen und Inhalten, die allgemein für den Schulsport als gültig angesehen werden. Mit der mehrperspektivischen Ausrichtung des Sportunterrichts, die in vielen Bundesländern verbindlich vorgeschrieben ist, mit der Akzeptanz offener Methoden sind die Voraussetzungen für einen gemeinsamen Sportunterricht günstig. >> Planung und Durchführung des gemeinsamen Unterrichts 
  • Die Kenntnis von Inhalten und Methoden aus dem Bereich des Behindertensports sind notwendige Voraussetzungen, um  “erstbeste Lösungen” im Unterricht zu vermeiden. Der Blick in den Behindertensport hilft, einen Eindruck von der Vielfalt der sportlichen Möglichkeiten behinderter Menschen zu erhalten. Die Entwicklung im Behindertensport, insbesondere im Leistungssport der Behinderten, zeigt zudem eindrucksvoll, wie viel möglich ist, was vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten wurde. Bezogen auf den Sportunterricht bewirkt das konkrete und dynamische Verständnis von Behinderung ein genaues Hinschauen, was die jeweilige Person zu leisten imstande ist.
  • Das Ausmaß der Heterogenität muss von der Lehrperson zu bewältigen sein. Aufgrund der Anforderung, sich bezogen auf das jeweilige Behinderungsmerkmal (z. B. Blindheit, Körperbehinderung) in die Methoden und Inhalte des Behindertensports einarbeiten zu müssen, ergibt sich sinnvollerweise die Forderung, das konkrete Merkmal der Behinderung in einer Schule zu beschränken, so dass sich die Lehrer spezialisieren können. Im Sportunterricht hat die notwendige methodische Differenzierung allein schon durch die Sorgfalts- und Aufsichtspflicht Grenzen. Ich gehe von einer von einem Fachlehrer zu bewältigenden heterogenen Struktur von einem oder zwei behinderten Mitschülern mit gleichem konkreten Merkmal (z.B. nur Blindheit oder nur Rollstuhlfahrer) in einer Klasse aus, was, bei wohnortnaher Beschulung, ein realistisches Verhältnis sein dürfte.
  • Wer die gemeinsame Erziehung von Menschen mit und ohne Behinderungen wünscht, muss dazu beitragen, dass sie zur Selbstverständlichkeit wird. Damit aber darf der Gedanke der “Inklusion” nicht immer wieder neu in den Mittelpunkt gestellt werden, da sich darin genau die Besonderheit ausdrückt, die überwunden werden soll. Sportunterricht im Sinne des vorgestellten Konzepts mit heterogenen Gruppen ist konsequenterweise nicht “Inklusionssport”, sondern “Sport”unterricht in spezifischen Gruppen. >> Unterrichtsbeispiel “Bewegungsgestaltung im Wasser”

Warum sich die Anstrengung lohnt

  • Bezogen auf das Ziel der gleichberechtigten Teilhaben von behinderten Menschen in der Gesellschaft ist es sinnvoller, nach den Möglichkeiten gemeinsamen Handelns, zu fragen, als die Probleme der Realisierbarkeit in den Vordergrund zu schieben.
  • Für die Lehrperson bedeutet Sportunterricht in heterogenen Gruppen nicht nur mehr Anstrengung, sondern gleichzeitig auch Bereicherung. Gemeinsamer Unterricht kann Lehrerkompetenzen erhöhen, Unterrichtsplanung und -durchführung interessanter werden lassen.
  • Den Schülern eröffnet sich die Möglichkeit, ihre Eigenständigkeit und Organisationsfähigkeit zu erhöhen..
  • Der Sportunterricht verlangt nach kreativen Lösungsmöglichkeiten, nach geeigneten Inhalten und Methoden, die möglicherweise von den beteiligten Personen selbst entwickelt werden müssen und nicht nur übernommen werden können.
    >> mehr

Literaturhinweis:

Wurzel, B. (2003). Was über „erstbeste Lösungen“ hinausgeht. sportpädagogik, 27 (4), 40-43.
Wurzel, B. (1997). Voraussetzungen, Chancen und Probleme eines gemeinsamen Sportunterrichts von Nichtbehinderten und Behinderten. sportunterricht, 46 (9), 389-394.

weiterführende Literatur- und Internetangaben

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 16.12.2013
Bearbeitet: 8.4.2014

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