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Planung und Durchführung des gemeinsamen Sportunterrichts 
von behinderten und nichtbehinderten Schülern

Wahrnehmungs- und Bewegungsanalyse

Entsprechend der Didaktischen Analyse ist im Fall des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Schülern bezogen auf das konkrete behindernde Merkmal eine "Wahrnehmungs- und Bewegungsanalyse" durchzuführen: Was kann der betroffene Schüler von der Bewegungsausführung wahrnehmen (betr. z.B. Sehschädigung, Hörschädigung), was kann er motorisch realisieren? Im Vergleich zum nichtbehinderten Schüler sind nur die Abweichungen im Planungsprozess zu berücksichtigen

Bei der Einschätzung des Machbaren sind Kenntnisse aus dem Behindertensport notwendig. Wer weiß, dass Blinde oder Rollstuhlfahrer Ski laufen (wobei beide Gruppen sehr unterschiedliche Techniken benutzen), wer die Entwicklung des Behindertensports verfolgt und sieht, was derzeit realisiert wird und vor einiger Zeit noch für unmöglich gehalten wurde, wird die vorschnelle Einschätzung "Es geht nicht" vermeiden. Wer weiß, wie blinde Sportler sprinten, wird nicht die Handfassung beim Lauf als "erstbeste Lösung" wählen (s. Kosel, Froböse 1999).

Richtlinienbezug und Kompetenzorientierung

Die mehrperspektivische Ausrichtung der aktuellen Lehrpläne mit ihrer Kompetenzorientierung ermöglicht und unterstützt den Sportunterricht in heterogenen Gruppen. Manche Ziele, die unter dem Verständnis des erziehenden Sportunterrichts aufgenommen wurden, wie z.B. das Ziel "ein Spiel erfinden", erhalten durch die heterogene Gruppenstruktur ihre tiefe Bedeutung. Die Entwicklung von Wahrnehmungs- und Bewegungskompetenz  (s. o. Wahrnehmungs- und Bewegungsanalyse), Methodenkompetenz und Urteilskompetenz sind unabdingbar für einen Unterricht, der in heterogenen Gruppen gelingen soll, und nicht beliebiges Beiwerk.

Ein Unterrichtsbeispiel: Leichtathletisches Laufen

Die Kinder üben den Kurzstreckenlauf und lernen gleichzeitig, Startkommandos zu geben und die Zeit zu stoppen. Durch das blinde Kind in der Klasse lernen sie auch, wie Blinde mithilfe von akustischer Unterstützung sprinten können (s. Kosel, Froböse 1999). Im Rahmen selbstständiger Gruppenarbeit organisieren die Kinder für die sehenden und für den blinden Mitschüler die Läufe durch Übernahme des Startens, Zeitmessens und der akustischen Begleitung. Wer sich als Sehender traut, darf unter diesen Bedingungen "blind" sprinten.
Ebenso kann das Kind im Rollstuhl die Aufgabe bekommen, eine vorgegebene Strecke möglichst schnell zu schaffen, ggf. unter Bewältigung verschiedener Hindernisse (Simulation von Bordsteinkanten o. Ä.)

In Gruppenarbeit können die Kinder die Aufgabe erhalten, Regeln für faire Laufwettkämpfe bei unterschiedlichen Voraussetzungen der teilnehmenden Läufer aufzustellen: Wie können ein langsamer und ein schneller Mitschüler gegeneinander antreten, so dass beide bei individuell optimaler Anstrengung eine Gewinnchance haben, wie ein Läufer gegen das Kind im Rollstuhl, wie ein sehender gegen den blinden Mitschüler? Dass diese  Aufgaben nicht theoretisch gelöst werden sollen, sondern vielfältige Läufe unter wechselnden Bedingungen und mit verschiedenen Laufgegnern notwendig sind, sollte selbstverständlich sein.

Die heterogene Klassenstruktur macht es möglich, Handlungsformen zu erproben, die im Behindertensport nicht üblich sind. Im beobachteten Fall (8. Klasse) experimentierten die sehenden Schüler damit, die blinde Mitschülerin nicht bloß akustisch zu unterstützen, sondern gleichzeitig an beiden Seiten, später nur an einer Seite der blinden Schülerin mitzulaufen, wobei die Mitlaufenden akustische und, wenn notwendig, taktile Unterstützung durch kurzen Körperkontakt boten - eine Laufform, die in hohem Maß Verantwortung und Vertrauen fordert und fördert. In diesem Fall steigerte die blinde Schülerin im Lauf der Unterrichtsreihe ihre Laufgeschwindigkeit so stark, dass die Laufbegleitung zu einer läuferischen Herausforderung für die sehenden Schüler wurde, die nur noch ein Teil der Klasse bewältigen konnte.

 

Leichtathletik

 

>> Weiteres Unterrichtsbeispiel: Bewegungsgestaltung im Schwimmunterricht

 

Literatur

  • Wurzel, B. (2008). Mehrperspektivischer Sportunterricht in heterogenen Gruppen von nichtbehinderten und behinderten Schülern - Was über "erstbeste Lösungen" hinausgeht. In: F. Fediuk (Hrsg.), Inklusion als bewegungspädagogische Aufgabe (S. 123-141). Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler.
  • Kosel, H.; Froböse, I. (1999) Rehabilitations-und Behindertensport. Verlag: Pflaum

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 16.12.2013
Bearbeitet: 8.4.2014

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