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"Behindert" - "Integration" - " Inklusion"  -  "Heterogenität" 
- eine Begriffsklärung

"Behinderung"

Der Begriff "behindert" fasst Menschen mit den unterschiedlichsten Merkmalen zusammen. Was haben ein blinder Abiturient und ein erziehungsschwieriger Schüler mit Lernschwierigkeiten gemeinsam? Was ein Kind mit einer Schädigung der linken Hand mit einem Kind, das nicht hören kann? Nichts - außer, dass durch den Begriff "behindert" eine Klammer um sie gelegt wird, die dann letztlich durch Integration oder Inklusion wieder - mehr oder weniger mühselig - gelöst werden soll. Im pädagogischen Bereich ist der Begriff "behindert" wenig sinnvoll. Auch mit Blick auf den Sportunterricht ist er wenig aussagekräftig. Nehmen wir das Kind mit der Schädigung der linken Hand und assoziieren Unterricht in den Sportarten Tischtennis und Badminton. Worin sollte hier eine Behinderung liegen? Stellen wir uns bei den gleichen Sportarten den blinden Schüler vor und es ist klar, dass es um ein unlösbares Problem geht.

Die Kennzeichnung eines Menschen als "behindert" muss die Frage nach sich ziehen: "behindert in Bezug auf was?" Behinderung ist somit als konkreter und dynamischer Begriff zu interpretieren.

Konkret, weil das konkrete Merkmal, aus dem die Behinderung erwächst, wie es Blindheit, Körperbehinderung o. A. darstellen, beachtet werden muss. Mit Blick auf eine bestimmte Person ist es angemessener, vom blinden, vom querschnittsgelähmten Menschen zu reden, anstatt vom behinderten. Dynamisch, weil das konkrete Merkmal nicht als statisches Merkmal zu sehen ist, das den Menschen in seiner Ganzheit und Person "behindert", das ihm anhaftet und von dem er nicht loskommt, sondern als ein Merkmal, das bestimmte Vorgänge oder Situationen beeinflusst, andere jedoch unbeeinflusst lässt. Ob ein konkretes Merkmal "behindert", ergibt sich aus der jeweiligen Situation. Unter dieser Sichtweise ist Behinderung nicht etwas, durch das der Mensch in seiner Ganzheit und Person charakterisiert ist.

Der blinde Schüler in der Regelschule (nach dem üblichen Sprachgebrauch der "Behinderte" unter den "Nichtbehinderten") kann z.B. in Bezug auf das Ziel "Erlernen von Fremdsprachen" seinen Mitschülern überlegen sein. Ob und wie weit aufgrund der Blindheit die Beschaffung geeigneten Materials zum Erlernen der Sprache behindernd wirkt, ist ein sich ständig veränderndes, z. Zt. aufgrund der technischen Entwicklung ein sich verringerndes Problem. Das statische Verständnis von Behinderung ignoriert die Abhängigkeit der Auswirkung eines konkreten Merkmals eines Menschen von den jeweiligen Situationen.

ausführlich in: Wurzel, B. (1991). Sportunterricht mit Nichtbehinderten und Behinderten. Schorndorf: Hofmann, S. 23 - 34.

"Integration"

Integration als Zielvorstellung setzt Segregation voraus. Das Bemühen um die Eingliederung Behinderter in das berufliche, soziale und kulturelle Leben findet seinen Sinn vor dem Hintergrund der fehlenden oder zumindest unzureichenden Teilhabemöglichkeiten von Behinderten und nur darin. Der Integrationsgedanke ist an einen statischen Behinderungsbegriff gebunden, bei dem die Behinderung als etwas gesehen wird, das den Menschen in seiner Gesamtheit prägt und von dem er nicht loskommt.

Auf der Grundlage der Entscheidung für einen konkreten und dynamischen Behinderungsbegriff erübrigt sich die Zielvorstellung der Integration und wird der Begriff hier nicht weiter verwendet. Statt dessen wird die Heterogenität betrachtet, die sich als Gruppenstruktur ergibt, sobald sich Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften in einer Gruppe zusammenfinden.

"Inklusion" -  "Heterogenität"

Im Unterschied zur Integration wird mit Inklusion ein Konzept gekennzeichnet, das die Unterschiede der verschiedenen Personen von vorneherein anerkennt und die inhaltliche Arbeit auf die Verschiedenheit der Personen ausrichtet.

Inklusion geht also von der Heterogenität der Gruppe aus. Mit den unterschiedlichen Eigenschaften, die sich durch das konkrete Merkmal der Behinderung ergeben, müssen heterogene Gruppen in souveräner Weise umgehen können, damit positive und stabile Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern möglich werden. In meinem Konzept des gemeinsamen Sportunterrichts von nichtbehinderten und behinderten Schülern ist Heterogenität der Schlüsselbegriff. >> mehr

Es ist unmittelbar einsichtig, dass das Ausmaß an Heterogenität überfordern kann. Ich gehe von einer von einem Fachlehrer zu bewältigenden heterogenen Struktur von einem oder zwei behinderten Mitschülern mit gleichem konkreten Merkmal (z.B. nur Blindheit oder nur Rollstuhlfahrer) in einer Klasse aus, was, bei wohnortnaher Beschulung, ein realistisches Verhältnis sein dürfte. >> mehr

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 16.12.2013

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