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Bewegungsgestaltung im Schwimmunterricht
Ein Unterrichtsbeispiel zur Methode Anregen/Finden

Schwimmen ist mehr als “Bahnen schwimmen”!

Der Schwerpunkt des Schwimmunterrichts liegt in aller Regel in der Vermittlung und Übung der Schwimmtechniken, die im Wettkampfsport angewendet werden. Schwimmunterricht in der Schule bedeutet also für viele Schüler - ähnlich wie im Vereinssport - Bahnen zu schwimmen.

In diesem Unterrichtsbeispiel werden die Schwimmbahnen und die Perspektive des Sportschwimmens verlassen. Es wird die Möglichkeit eines sportartübergreifenden Vorgehens vorgestellt, indem Improvisation und Komposition mit ihren Gestaltungskriterien, also Elemente des Gymnastik-/Tanzunterrichts,  aufgenommen werden und die Methode Anregen/Finden angewendet wird. Damit soll der Schwimmunterricht keineswegs grundsätzlich verändert werden, sondern er wird lediglich um eine motivierende Variante erweitert.  Möglicherweise lockt diese Erweiterung manchen Schwimmverweigerer (insbesondere in der Mittelstufe) wieder ins Wasser!

Bewegungsgestaltungen im Wasser sind kein “Synchronschwimmen”!

Bewegungsaufgaben im Schwimmunterricht zielen darauf ab, die Schüler zu vielfältigen und ungewohnten Bewegungsformen im Wasser zu veranlassen, oft auch unter verstärkter Belastung, wenn es um Partnerübungen geht. Damit kann in spielerischer Form die Wassersicherheit erhöht werden. Neben der Kreativität und Geschicklichkeit im Wasser werden Ausdauer; Kondition und Koordination  gefordert und gefördert, bei Partnerübungen zusätzlich die Kooperation. Gleichzeitig werden die schwimmerischen Fertigkeiten verbessert, da sie unter anspruchsvollen und ungewohnten Bedingungen angewendet werden müssen. Mit den genormten Vorschriften und Techniken im Synchronschwimmen und seinen langen Tauchphasen haben die Bewegungsaufgaben nichts zu tun.

Bewegungsaufgaben - einige Beispiele

  • Bewegungsaufgaben von geringer Komplexität
  • geeignet zum Einschwimmen  zu Beginn der Stunde (Motivation) oder als freudvoller Ausklang einer Schwimmstunde
  • “Schwimmt auf beliebige Weise, aber es dürfen
    • nur die Arme
    • nur die Beine bewegt werden!”
  • “Erfindet eine ‘neue’ Schwimmtechnik, indem ihr Arm- und Beinbewegungen aus zwei verschiedenen Schwimmtechniken kombiniert!”
  • “Erfindet eine ‘neue’ Schwimmtechnik
    • in Seitenlage
    • in Rückenlage
    • mit ständigem Wechsel von Bauch- und Rückenlage!”
  • “Schwimmt gemeinsam mit einem Partner, indem sich einer an der Hüfte des anderen festhält! Führt diese Aufgabe möglichst mit verschiedenen Schwimmformen durch!”
  • “Schwimmt gemeinsam mit einem Partner, indem sich beide an einer Hand festhalten! Findet auch hier wieder unterschiedliche Schwimmformen.”
    • Mögliche Einschränkungen zur Steigerung der Vielfalt:
      • Es dürfen nicht beide Partner dieselbe Schwimmtechnik ausführen
      • Es dürfen nicht beide Partner in der gleichen Lage schwimmen.

Unterrichtseinheit “Ziehen, schleppen, transportieren, sich gemeinsam fortbewegen” -  7. - 10. Klasse

Einstimmung

Einschwimmen in Bahnen unter Beachtung verschiedener Bewegungsaufgaben:

  • Schwimmen mit einem Partner
    • mit Hüftfassung
    • mit Handfassung
  • Schwimmen mit einem Partner mit beliebiger Verbindung
    • mindestens einer der Partner in Rückenlage
    • mindestens einer der Partner in Seitlage

Erarbeitung I

Bewegungsaufgabe: “Findet in Dreiergruppen unterschiedliche Möglichkeiten des Miteinander-Schwimmens in fester Verbindung”

Reflexion

Besprechung von Lösungsmöglichkeiten, in Verbindung von Demonstrationen ausgewählter Lösungen

“Welche Möglichkeiten habt ihr gefunden?”

Mögliche Schülerlösungen:

  • unterschiedliche Anordnungen: nebeneinander/hintereinander
  • unterschiedliche Möglichkeiten des Festhaltens: an den Händen/ an Händen und Füßen/ an der Schulter/ an der Hüfte
  • unterschiedliche Lagen: alle schwimmen in gleicher Lage/ einer schwimmt auf dem Rücken, die anderen in Bauchlage
  • in unterschiedliche Richtungen schwimmen: kopfwärts/fußwärts/seitwärts

Erarbeitung II

Ausgehend von den Ergebnissen der Erarbeitung I und der Reflexion  (>>  Strukturierung einer Stunde) mögliche Vorgehensweisen:

  • weitere Bewegungsmöglichkeiten erproben, z.B. durch eingeschränkte Bewegungsaufgaben
  • gefundene Schwimmformen verbessern (selbstständige Gruppenarbeit)
  • mindestens zwei unterschiedliche Schwimmformen zu einer Bewegungsfolge zusammensetzen (selbstständige Gruppenarbeit)

Abschluss

Demonstration einiger Schwimmformen bzw. Bewegungsfolgen

Die Unterrichtseinheit im inklusiven Schwimmunterricht

Wenn auch die vorgestellte Unterrichtsstunde als Beispiel für die Anwendung der Methode Anregen/Finden in einem anderen Sportbereich als Gymnastik/Tanz ausgewählt wurde, so ist doch dieses Beispiel zum ersten Mal unter dem speziellen Gesichtspunkt des gemeinsamen Unterrichts von nichtbehinderten und behinderten Schülern veröffentlicht worden (Wurzel 1997). Mit der Aufgabe, Schwimmformen in Dreiergruppen zu finden, wird das gemeinsame Handeln der Schüler in den Mittelpunkt der Schwimmstunde gestellt. Unter der speziellen Voraussetzung einer heterogenen Gruppe von nichtbehinderten und behinderten Schülern erfahren sich alle Schüler der Klasse als gleichberechtigte Teilnehmer, an die dieselben Anforderungen gestellt werden, wobei die Lösungen (wie stets bei einer offenen Vorgehensweise mit Bewegungsaufgaben) von den jeweiligen Fähigkeiten der Schüler abhängen. Möglicherweise erhält die Aufgabenstellung eine zusätzliche Bedeutung, sofern sie den Klassenmitgliedern im gemeinsamen Tun neue soziale Erfahrungen vermitteln kann. Im Falle von Blindheit beispielsweise ermöglicht die Aufgabenstellung eine weitgehend symmetrische Handlungsweise der sehenden und blinden Teilnehmer. Die übliche Rollenzuweisung, hier Helfender, dort Hilfsbedürftiger, wird in der Bewältigung der Aufgabe hinfällig.

Sportunterricht in heterogenen Gruppen von Nichtbehinderten und Behinderten ist nicht unbedingt anders als Sportunterricht in homogenen Gruppen. Das vorgestellte Beispiel ist eines von vielen möglichen Unterrichtsbeispielen, die diese Behauptung belegen. Sofern Bewegungsaufgaben im Mittelpunkt einer Sportstunde stehen,  ist es jedem Beteiligten möglich, auf seinem individuellen Niveau und mit seinen Möglichkeiten zu reagieren. >> Thesen zum inklusiven Sportunterricht >> Planung und Durchführung gemeinsamen Unterrichts

Im hier vorgestellten Beispiel stellt die Möglichkeit des gemeinsamen Unterrichtens von behinderten und nichtbehinderten Schülern keine zusätzlichen Anforderungen an den Sportlehrer. Sofern der Sportlehrer allerdings die heterogene Gruppe als Aufforderung und Anlass versteht, die didaktischen und methodischen Möglichkeiten des Sportunterrichts verstärkt zu reflektieren und bewusst zu nutzen (heißt in diesem Fall: die gewohnten (Schwimm-)Bahnen zu verlassen), kann er die heterogene Situation als Bereicherung empfinden, da sie dazu beiträgt, die Lehrerkompetenzen zu erweitern.

Literaturnachweis:

Teilweise entnommen aus:

Wurzel, B. Mehrperspektivischer Sportunterricht in heterogenen Gruppen von Nichtbehinderten und Behinderten. In: Yaldai, S./Stemper, T./Wastl, P. (Hrsg.) (1997). Menschen im Sport. Verlag SPORT und Buch Strauß, S. 234 - 244.

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 8.4.2014

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