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Mit der Methode Anregen/Finden
über die  Improvisation zu Bewegungsgestaltungen kommen

Die Methode Anregen/Finden

Zum Einstieg ein Experiment

Was passiert, wenn eine Schülergruppe die Aufgabe erhält:

  • "Entwickelt in der Gruppe einen Tanz”
    oder:
  • ”Entwickelt in der Gruppe eine Kür mit Bällen",
    beides bekräftigt mit:
  • ”Seid kreativ!”

Meine These (deren Richtigkeit jeder selbst im Unterricht nachprüfen kann):

  • Für den Tanz werden sich die Schüler in einer Linie oder im Block (je nach Gruppengröße) aufstellen und die Schüler werden synchron Schritte ausführen, die sie aus anderen Zusammenhängen kennen. Wenn ein Mädchen oder ein Junge im Studio/ im Verein oder sonstwo tanzt, wird sie/er schnell die Führung übernehmen und die Schritte vorschlagen.
  • Für die Ballkür wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Kreisform gewählt. Die Schüler werden einfache Balltechniken wie Werfen, Fangen, Prellen ausführen, auch dies wieder synchron.

Warum sind die  Ergebnisse solcher Aufgabenstellungen vorhersehbar?

  • Da die Gruppe unter Zeitdruck steht (sicherlich soll sie am Ende der Stunde ein Produkt vorweisen), ergibt sich die Beschränkung auf möglichst bekannte und einfache Formen quasi folgerichtig aus der Aufgabenstellung: Die Gruppe muss sich auf ein Niveau einigen, das schnell realisierbar ist.
  • Synchrones Verhalten hilft, dass kein Gruppenmitglied auffällt. Damit verbunden ist die Anpassung an das "schwächste" Gruppenmitglied, also wiederum der Rückgriff auf möglichst leichte Handlungsweisen.
  • Unsicherheit, das Gefühl des Nichtkönnens, ein Mangel an Ideen führen dazu, dass viele  froh sind, reproduzieren zu können, was ihnen ein ”Experte” aus der Gruppe vorschlägt. Anstatt “kreativ” zu sein, übt sich die Gruppe in Anpassung;

Nein, mit solchen Ergebnissen kann niemand zufrieden sein!

Kreativität braucht Methode

Wenn Schüler kreativ sein sollen, brauchen sie ein methodisches Verfahren, das ihnen ermöglicht, Ideen zu entwickeln, und das Könnenszuwächse ermöglicht. Die Methode Anregen/Finden stellt die Improvisation in das Zentrum des Schüler- und ebenso des Lehrerhandelns. Indem die Schüler als Antwort auf die gestellten Bewegungsaufgaben improvisieren, entwickeln sie Ideen, die sie für ihre Gestaltungen verwenden können. Indem die Lehrperson den Schülern im Sinne der Methode Gestaltungsfreiraum gewährt, lernt sie, offenen Unterricht durchzuführen, der zu qualitativ hochwertigen Ergebnissen führt.

Elemente der Methode Anregen/Finden

Bewegungsaufgaben

Bewegungsaufgaben sind Aufgaben, die den Schülern Handlungsalternativen ermöglichen. Sie können eng oder weiter formuliert sein, sollten jedoch so gestellt werden, dass sich die Improvisation nicht im Beliebigen, Unverbindlichen verliert (z.B.: “Improvisiert” - “Bewegt euch auf beliebige Weise fort”). Die Lehrperson kann verschiedene Möglichkeiten der Formulierung von Bewegungsaufgaben nutzen, um den Schülern für ihre Improvisationsleistung Hilfen zu geben:

  • Orientierung:
    Orientierung  soll gewährleisten, dass sich die Improvisation nicht im Beliebigen, Unverbindlichen verliert. Sie kann beispielsweise  durch Anbindung an "Ausgangspunkte", wie z.B. Kriterien, Objekte, Musik oder Themen, erfolgen.
    (z.B.: Orientierung am Gestaltungskriterium Zeit: “Bewegt euch fort unter Beachtung des Gegensatzpaares ‘langsam - schnell’!”)
  • Einschränkung:
    Durch die  Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten wird in äußerst wirksamer Weise Vielfalt erzeugt! Indem bestimmte Verhaltensweisen ausgeschlossen werden, können die Schüler nicht mehr auf ihre schnell gefundenen Lösungsmöglichkeiten zurückgreifen. Die Einschränkungen machen ihnen deutlich, was noch alles möglich ist, ohne dass es direkt benannt wird.
    (z.B.: Variationen des Laufens finden: "Vorwärtslaufen ist nicht mehr erlaubt!")
  • Ablenkung:
    Ablenkung meint die Ablenkung der Aufmerksamkeit von der tatsächlichen erwünschten Bewegungsvielfalt auf eine Nebensächlichkeit, die der Schüler leicht erfüllen kann.
    (z.B.: Variationen des Laufens finden: “Lauft auf möglichst unterschiedliche Arten! Bewegt euch dabei nur auf den geraden Linien des Fußbodens und ändert die Richtung plötzlich und im rechten Winkel!” )
  • Provokation:
    Provokation meint die Herausforderung von unterschiedlichen Bewegungshandlungen durch Vorstellungshilfen.
    (z.B.: Variationen des Gehens finden: “Ihr wollt schnell irgendwo hin!” - “Geht so, dass ihr Beachtung erregt!” - “Wandert/schlendert/schleicht!”)
  • Wahrnehmungslenkung:
    Wahrnehmungslenkung meint die bewusste Lenkung der Wahrnehmung auf das eigene Tun bzw. auf die eigenen Empfindungen (und steht damit im Gegensatz zur Ablenkung). Wahrnehmungslenkung geschieht insbesondere in Demonstrationen und Reflexionen und kann auch in Bewegungsaufgaben erfolgen.
    (z.B.: Variationen des Gehens finden: “Wechsle vom lockeren Gehen zu einem Gehen, bei dem der Körper völlig angespannt ist!”)

>> Themengebundene Beispiele zu Bewegungsaufgaben

Demonstrationen

Zu sehen, wie die Mitschüler die Bewegungsaufgaben beantworten, führt zu neuen Ideen. Den Mitschülern vorzumachen hilft, die eigene Leistung einzuordnen, fördert Sicherheit und Selbstbewusstsein. Vormachen setzt zunächst aber Mut voraus. Die Situation des Demonstrierens kann die Lehrperson für den Einzelnen entschärfen und zu einem selbstverständlichen Teil des Unterrichts werden lassen, wenn sie mit Gruppendemonstrationen beginnt. Verschiedene Organisationsformen ermöglichen fließende Übergänge von "Zuschauen" und "Vorführen",

z.B.:

  • Die Beobachtung der Mitschüler sowie Vor- und Nachmachen können ein Bestandteil der gestellten Bewegungsaufgaben sein.
  • Die Klasse wird in zwei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe sitzt auf dem Boden in jeweils einer Hallenhälfte. Gruppe 1 demonstriert, Gruppe 2 beobachtet, schneller mehrmaliger Wechsel auf ein Zeichen des Lehrers.
  • Die Schüler haben Nummern von 1 bis 5. Alle Schüler sitzen verteilt im Raum. Auf Zuruf des Lehrers demonstrieren alle Schüler mit der aufgerufenen Nummer. Die Lehrperson kann auch mehrere Nummern zur gleichzeitigen Demonstration aufrufen. Wichtig sind auch hier wieder schnelle und fließende Übergänge zwischen Demonstration und Beobachtung. Jeder Schüler sollte mehrmals drankommen.
  • Alle Schüler sitzen auf dem Boden im Raum verteilt. Jeder Schüler entscheidet selbst, wann und wie lange er demonstrieren will. So kann ein Schüler, der sich nicht traut, allein zu demonstrieren, einen Nachbarn bitten, zeitgleich mit ihm zu vorzuführen, oder er kann sich  einer größeren Gruppe anschließen. Auch hier sind wieder fließende Übergänge zwischen Demonstrieren und Zuschauen wichtig.
  • Die Schüler führen die Bewegungsaufgabe über die Raumdiagonale aus. Durch den Abstand der Schüler ergibt sich automatisch die Möglichkeit des gegenseitigen Beobachtens, die bewusst genutzt werden soll..

Reflexionen

Reflexionen sind notwendiger Bestandteil eines bewussten Lernprozesses. Zum Erlernen von Improvisationen und Gestaltungen gehören z.B.:

  • Besprechung der Lösungsmöglichkeiten im Anschluss an die Demonstrationen (Was kam bei vielen vor? Gab es etwas, was nur ein Einziger gemacht hat? Wem hat etwas besonders gut gefallen?)
  • Diskussion der Bewegungsaufgabe (Gefällt sie? Wie ist sie gemeint? Wann hat man die Bewegungsaufgabe nicht erfüllt?)
  • Besprechen von Schwierigkeiten, Hemmnissen
  • Verdeutlichung von Gestaltungs- und Ausführungskriterien
  • Weiterführung der Aufgabe

Aufgaben der Lehrperson

Wichtigste Aufgabe des Lehrers während der Stunde ist es, die Schüler zu beobachten und aus den Beobachtungen die nachfolgenden Entscheidungen abzuleiten. Es ist ein Kennzeichen des offenen Unterrichts, dass nicht nur die Schüler, sondern ebenso die Lehrperson lernt zu improvisieren, dies allerdings auf der Basis einer soliden Planung, bei der sie die Bewegungsaufgaben auswählt, mögliche Lösungen bedenkt und alternative Vorgehensweisen in den Blick nimmt. >> Planung und Durchführung einer Stunde

Dr. Bettina Wurzel
Erstellt: 27.3.2014

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